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Feen beim Nektarklatschen

Die drei Feen Esmeralda, Elfa und Elinda sind drei eng befreundete Feen aus Galduron. Heute treffen sie sich zu ihrem beliebten Nektarklatschen beim Riesenfroschteich.

Feen beim Nektarklatschen

»Da ist es, wir sind gleich da!«
Elinda flog vergnügt eine Pirouette und wich dem Ast einer Birke aus. Elfa düste hinterher und hatte genauso Spaß an ihrem Ausflug.
»Esmeralda! Esmeralda, wo bist du?«, rief Elinda. Die grazile kleine Elfe flog über den Teich, der etwa die Hälfte der Waldlichtung einnahm. Die Riesenfrösche waren von oben in ihren orangen und roten Mustern im Wasser und auf den Seerosenblättern zu erkennen.
»Warte auf mich!«, rief Elfa. Sie war um einiges molliger als die schlanke Elinda, was sich vor allem beim Fliegen als Nachteil erwies. Dafür konnte sie die besseren Kuchen und Kekse herbeizaubern, tröstete sie sich immer wieder.
Schon hatten sie den Teich überquert und endlich das Feld mit den unzähligen blauen Nektarkelchen gefunden. Diese hübschen Blumen erreichten in etwa die Höhe eines Zwerges und wurden von bläulich bis violetten Blüten gekrönt, die sich wie Kelche nach oben streckten. Inmitten dieses Hains voller blauer Pracht lag der moosbewachsene Felsen, auf dem Esmeralda auf dem Bauch lag und gedankenverloren in die Ferne sah.
Elfa und Elinda schwirrten vor ihr in der Luft und begrüßten sie freudig. Doch es fiel ihnen sofort auf, dass ihre Feenfreundin heute ein schweres Herz hatte.
»Esmeralda. Was ist denn mit dir? Du siehst so traurig aus?«, sagte Elinda.
»Ja. So traurig.«, wiederholte Elfa.
Esmeralda schaute abwechselnd ihre beiden Freundinnen an. Dann seufzte sie lautstark und starrte wieder in die Ferne.
»Ach nichts.«, sagte sie.
Die beiden Neuankömmlinge tauschten einen besorgten Blick aus.
»Schätzchen, du siehst aber gar nicht gut aus. Hast du Kummer?«, fragte Elfa.
Esmeralda atmete hörbar ein und aus und setzte sich im Schneidersitz auf die dünne Moosschicht des Felsens.
»Nein. Ich eigentlich nicht. Aber ich mache mir Sorgen um jemanden.«
»Wer ist es denn?«, fragten sie unisono.
»Nordog. Ihr kennt doch unseren alten Gnommeister.«
»Nordog? Ja sicher, Meister Nordog!«
Elfa und Elinda schwirrten aufgeregt auf und ab.
»Was ist mit ihm? Müssen wir uns auch Sorgen machen?«, wollte Elinda wissen.
Esmeralda winkte ab.
»Nein. Ach was. Ich glaube, ich mach mir nur zu viele Gedanken.«
Die anderen beiden setzten ein fragendes Gesicht auf.
»Es ist nur, er ist so gestresst in letzter Zeit. Und so unzufrieden. Ständig nörgelt er an allem Möglichem herum. Spricht andauern von der Wiederholung des großen Rituals und den zwölf Amuletten und rauft sich dabei seine letzten noch auf dem Kopf verbliebenen Haare.«
Jetzt setzten sich Elfa und Elinda zu Esmeralda auf den Moosfelsen. Die hob die Hände über den Kopf und redete sich in Rage.
»Wisst ihr, ich fürchte, er überarbeitet sich. Er hat alleine so viel Verantwortung für uns alle und kaum eine ruhige Minute. Wenn er sich mal in Ruhe mit einer Tasse Tee hinsetzt, dann steht er nach nicht mal einer Minute wieder auf und läuft im Kreis. Dabei macht er immer so.«
Sie sprang auf, stützte den rechten Ellbogen vor der Brust in die linke Hand und massierte mit der Rechten das Kinn. Dabei lief sie auf dem Felsen im Kreis und sagte immer wieder »Hm,hm. Hm, hm.«
Die anderen lachten.
»Aber Esmi, das macht Meister Nordog doch immer, wenn er nachdenkt.«
Esmeralda erhob sich ein kleines Stück in die Luft und gestikulierte mit ihrem kleinen Zauberstab mit dem Sternchen an der Spitze.
»Das ist es ja. Er macht nichts mehr anderes. Er grübelt nur noch den ganzen Tag vor sich hin. Fast vergisst er auf’s Essen und im Schlaf wälzt er sich hin und her und murmelt immer wieder was von Dämonen oder der dunklen Seite.«
Die beiden anderen Feen schauten sich kurz stumm an.
»Das ist wirklich besorgniserregend.«, brach Elinda das Schweigen.
»Ja, wir sollten ihm helfen und ein bisschen ablenken.«, fügte Elfa hinzu.
»Aber von seiner wichtigen Arbeit aufhalten dürfen wir auch nicht.«, antwortete Elinda.
Esmeralda sah ihre beiden Freundinnen an und ließ die Schultern hängen.
»Ich hab mir schon die ganze Zeit Gedanken gemacht, was ich noch tun könnte. Kekse und Kuchen muntern ihn nicht mehr auf, Lieder habe ich schon unzählige für ihn gesungen und Witze über die Gnurme erzählt, aber er läuft immer nur im Kreis und macht hm, hm.«
Elinda schaute zu Elfa.
»Ich hab auch zuerst an Kekse gedacht, aber dann ist das wohl ein schwierigerer Fall.«
»Oje, oje, ojemine.«, sagte Elfa. Sie rahmte ihren Kopf mit den Händen ein und schüttelte ihn hin und her.
»Aber wenn wir Feen ihn nicht aufmuntern können, wer dann?«
Esmeralda zuckte mit den Schultern.
»Wir sind doch für die gute Laune in Galduron zuständig. Darum sollten wir tun, was Feen eben tun. Für gute Laune Sorgen und Glück zu allen Wesen bringen.«
»Ja du sagst es.«, bestätigte Elfa.
»Wisst ihr was? Genau das ist das Stichwort. Wir sollten tun, was Feen eben so tun. Und weißt du noch, warum wir heute Esmeralda besuchen wollten, liebe Elfa?«
Jetzt war es Elinda, die mit ihrem Zauberstab in der Luft herumfuchtelte.
»Ja natürlich, wir wollten Nektarklatschen. So wie immer, wenn die blauen Kelche voll sind.«
Esmeralda legte ihre beiden Hände an ihr Herz.
»Ohhh, ihr beide seid so lieb. Ihr wisst genau, dass ich das immer so gerne zu dritt mache.«
Gerührt legte sie den zierlichen Kopf etwas in die Seite.
»Ja. Und weil wir es auch so lieben.«, antworteten die anderen beiden im Chor.
»Na also, dann nichts wie los. Vielleicht kommen wir dabei ja auf andere Gedanken und es fällt uns etwas für Meister Nordog ein.«
Esmeralda schwirrte etwas weiter in die Höhe und deutete mit ihrem Zauberstab an den Rand der Lichtung.
»Dort habe ich gestern schon ein paar Blätter vorbereitet. Daraus haben wir schnurzdiwurz einen großen Bottich und die Eimer gezaubert.«
»Genauso machen wir’s. Uns fällt beim Nektarklatschen bestimmt etwas ein. Und falls nicht, dann können wir Meister Nordog wenigstens eine süße Nachspeise bringen.«, sagte Elfa und erhob sich ebenfalls in die Luft.
»Ja, also nichts wie los!«, folgte Elinda und stimmte den bekannten Reim an.

Klitsche klatsche, klitsche klatsche,
Blaue Blüten, plitsche platsche
Goldig gelb der Nektar fliegt
Süße Quelle nie versiegt

Die drei Feen nahmen sich an den Händen, drehten sich in der Luft im Kreis und lachten. Nach ein paar Runden flogen sie zum Rande der Lichtung, wo Esmeralda die länglichen Blätter vorbereitet hatte. Flugs flochten sie eine große Schüssel und drei kleine Eimerchen daraus. Die Schüssel stellten sie am Waldrand unter einen Baum, mit den Eimern flogen sie zurück zu den blauen Nektarkelchen.
Freudig sangen sie den Nektarreim und führten ihren geübten Tanz zwischen den Blumen auf. Elinda war wie üblich die Schnellste. Sie stupste mit ihrem Hinterteil den ersten Blütenkelch von hinten an, so dass der Nektar aus dem Kelch in Richtung ihrer Freundinnen platschte. Esmeralda und Elfa fingen ihn geschickt mit ihren Eimern in der Luft auf.
Sie lachten und wechselten sich ab. Immer stieß eine die Blüten von hinten an und die anderen beiden fingen den überschwappenden Nektar perfekt auf, so dass nichts von dem kostbaren Stoff verloren ging. Die vollen Eimerchen entleerten sie bei der Schüssel am Waldrand.
»Ach diese schönen Blumen und der Duft lassen mich doch gleich wieder fröhlich sein.«
Esmeralda sog tief die Luft ein und stieß sie mit einem entspannten Seufzer wieder aus.
»Das lässt mich alles an Sonnenschein, Freude und Liebe denken.«
»Wie recht du hast«, sagte Elfa und fing einen weiteren Nektarschwall auf.
»Die Liebe ist überhaupt das Beste und das Mächtigste, was es auf der Welt gibt.«, meinte Elinda.
»Es macht jeden glücklich, wenn man wen zum lieben hat.«
Esmeralda hielt in der Luft inne und öffnete die Augen weit.
»Meint ihr, Meister Nordog hat auch jemanden zum liebhaben?«
Elfa und Elinda ließen ihre Eimer sinken und stutzten.
»Das ist die Idee!«, rief Elinda freudig.
»Meister Nordog braucht wen zum liebhaben, dann wird er wieder fröhlich.«
»Ja aber wer könnte das sein? Ich hab ihn noch nie mit wem anderen gesehen.«
Elfa strich sich mit dem Zeigefinger seitlich über die Nase und schaute nachdenklich zu den Baumkronen hinauf.
»Ich glaube, da hat es mal jemanden gegeben.«, sagte sie.
»Aber das ist lange lange her.«
»Ehrlich? Meister Nordog war mal verliebt?«, fragte Esmeralda.
»Ja. Ich bin mir sicher.«
Elfa setzte sich auf eine blaue Blüte und reckte die Hände in die Höhe.
»Damals, zu seinen Studienzeiten. Das war lange, bevor er in die alte Eiche einzog. Das heißt, ich glaube, sie wollten sogar zusammen einziehen, aber dann ist irgendetwas geschehen und sie haben sich getrennt.«
»Wer war es? Mach es nicht so spannend!«, drängte Esmeralda.
»Es war eine junge hübsche Gnomin. Sie gingen zusammen auf die Zauberakademie von Galduron. Ich glaube sie ist nach Lenia-Gur gezogen.«
»Lenia-Gur? Die große Stadt im Westen?«, fragte Elinda.
Elfa nickte.
Esmeralda erhob sich und flog eine kleine Runde über ihre Feenfreundinnen. Sie hielt kurz inne und sah in die Ferne. Hinter den blauen Kelchblüten blinkten die Sonnenstrahlen auf dem Riesenfroschteich. Abrupt drehte sie sich um.
»Hört mal«, sagte sie, »wenn wir Kontakt zu Nordogs alter Freundin aufnehmen und sie dazu bringen könnten, sich nochmal bei ihm zu melden, würde ihn das vielleicht aufmuntern. Mein ihr nicht?«
Elinda riss die Augen weit auf.
»Du meinst, wir sollen seine alte Liebe kontaktieren?«
»Wow! Was für eine Idee.«, sagte Elfa.
»Aber was ist, wenn sie nichts mehr von ihm wissen will? Soweit ich weiß, sind sie im Streit auseinandergegangen.«
»Weißt du, warum sie sich gestritten haben?«, fragte Esmeralda.
»Nein, leider nicht.«
Esmeralda kniff die Lippen zusammen und hieb mit ihrem Zauberstab in die Luft.
»Wir werden es herausfinden. Wir werden sie finden.«, sagte sie entschlossen.
»Wie heißt sie überhaupt?«, fragte Elinda.
Elfa runzelte die Stirn.
»Ich glaube, sie hieß Zrastima.«
Esmeralda nickte.
»Gut. Wir werden Zrastima finden und sie bitten, an Meister Nordog einen Brief zu schreiben. Es sind ein paar Jahrhunderte vergangen. Da wird man wohl über einen Streit hinwegsehen können.«
»Aber was ist, wenn sie nichts mehr für Nordog empfindet?«, gab Elinda zu bedenken.
»Einen Versuch ist es wert.«, antwortete Esmeralda.
»Wahre Liebe vergeht nicht!«

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