Markus Kneidinger

Kneidinger ist ein erfahrener Kleinkrimineller aus Münichholz. Er wollte schon immer höher hinaus. Als mit dem Blackout die Kontrolle der Polizei schwindet, ergreift er die Gelegenheit beim Schopf.

Der alte Kneidinger bekommt sein neues Büro

Kneidinger sah auf seine Armbanduhr. Das alte Ding funktionierte wenigstens. Eine Minute vor 16 Uhr. Es war so weit. Wenn Mustafa, Berger und der alte Krumenacker Wort hielten, dann bekam die Polizei in den anderen Stadtvierteln von Steyr jetzt gleich einiges zu tun.


Seit einem Monat war der Strom ausgefallen und seither hatte sich vieles geändert. Alles zum Schlechten, würden die meisten Bewohner von Steyr meinen, nicht so für Kneidinger. Sicher, der Alltag war nicht mehr so komfortabel ohne Elektrizität und um das Essen musste man sich schon nach ein paar Tagen prügeln. Aber das alles wog in seinen Augen weit weniger, als die Chance, die sich nun für ihn auftat. Die Leute verbarrikadierten sich nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Wohnungen. Wegen Leuten wie ihm.
Er grinste und erhob seinen massigen Körper von der Bank am Straßenrand.
„Los jetzt. Es ist soweit!“, rief er seinen Kumpels Joey und Gerhard zu und schritt entschlossen auf die Apotheke auf der anderen Straßenseite zu.


„Ihr habt den Boss gehört. Macht so viel kaputt wie nur geht!“, rief Joey den anderen Halunken zu.
Mitten auf der Straße blieb Kneidinger stehen und zündete mit seinem Sturmfeuerzeug den Molotov-Cocktail an. Viele Leute sollten ihn sehen und am besten begann es mit einem Knall. Er mochte theatralische Auftritte.
Der benzingetränkte Lappen fing sofort Feuer. Kneidinger ging gelassen weiter und suchte sich ein Ziel aus. Ein E-Klasse Mercedes, bei dem die Windschutzscheibe eingeschlagen war stand etwa zehn Meter nach rechts am Straßenrand. Das passte.

Der wird schnell brennen., freute er sich.


Er machte ein paar Schritte auf das Auto zu und warf. Die Flasche zerbarst auf dem oberen Teil der Motorhaube, so dass genug Benzin in den Innenraum des Fahrzeugs spritzte. Perfekt! Dann verlor er keine weitere Zeit und feuerte die anderen Randalierer an.
„Los los, wir sind nicht zum Spaß hier. Die Bullen sollen denken, der Krieg ist ausgebrochen.“


Das erste Dutzend seiner Crew schlug mit Stangen und Baseballschlägern auf die Scheiben der anderen Autos und die Schaufenster der Apotheke ein. Ein weiterer Molli explodierte. Das Gebrüll und die Geräusche der Zerstörung waren Musik in seinen Ohren. Mit Anlauf trat er gegen die hölzerne Eingangstür der Apotheke mit den Glasscheiben. Es brauchte einige Bearbeitung mit den Eisenstangen und ein paar weitere Tritte, bis die Tür nachgab.
„Rein mit Euch!“, schrie Kneidinger.


Zehn Männer stürmten in die Apotheke und schlugen alles kurz und klein. Er wandte den Blick zur Straße hinunter und kniff die Augen zusammen. Wann kamen die Bullen? Ohne Auto mussten sie die knapp hundert Meter von der Polizeiwache hierher laufen.
In den letzten Wochen hatte es der Polizeiapparat von Steyr immer wieder geschafft, die Kontrolle zu behalten. Sie hatten keine funktionierenden Funkgeräte mehr, trotzdem koordinierten sie sich. Mit Fahrrädern hatten sie einen Botendienst organisiert. Auch zur Fortbewegung nutzten die Beamten die Drahtesel. Kneidinger lachte bei dem Gedanken. Bullen auf Fahrrädern! Was für wunderbare Zeiten das doch waren. Und für ihn wurden sie jeden Tag besser.


Er biss die Zähne zusammen und spürte die unbändige Wut im Bauch anschwellen, als er selbst an seine langen Fahrradtouren der letzten Tage dachte. Aber es hatte sich gelohnt, dass er die anderen Gangsterbosse abgeklapperte. Mustafa, Berger und Krumenacker zettelten jetzt in diesem Augenblick an anderen Orten in der Stadt genauso einen Aufstand an wie er hier. Dass die aktuell fünfzehn Polizeibeamten in der Wache von Münichholz Verstärkung bekamen, war so gut wie ausgeschlossen.


Da! Er sah sie kommen. Im Laufschritt liefen fünf oder sechs Beamte mit Helm und voller Montur auf sie zu. Jetzt galt es!
„Joey! Sie kommen!“, rief er zu seinem treuen Kumpel, der wie besprochen auf dem Gehsteig vor dem Apothekeneingang wartete. Der lief in die Apotheke und warnte die anderen. Die Polizisten würden ihr blaues Wunder erleben. Kneidinger selbst lief um die Hausecke und kniete sich hinter den grauen BMW. Die Position hatte er sich vorher gut ausgesucht. Der Rest seiner Crew, der noch auf der Straße war, versteckte sich ebenfalls.


Als die sechs Polizisten heran waren, fanden sie außer zwei brennenden Autos nichts vor. Nur vom Inneren der Apotheke krachte und klirrte es weiterhin. Alle trugen schusssichere Westen und Helme, drei von ihnen hatten Maschinenpistolen, die anderen drei nur ihre Glock. Kneidinger knurrte. Sie mussten vorsichtig sein, aber sie hatten gute Karten.
Drei Beamte sicherten den Bereich rund um die Apotheke ab, einer positionierte sich neben der Eingangstür und zwei stürmten rein. Gleich darauf folgten Schüsse und Geschrei. Kneidinger freute sich über das schockierte Gesicht des Polizisten an der Eingangstür. In der Apotheke wurde weiterhin geschossen. Kurz hörte man eine Salve aus einer Maschinenpistole, dann nur noch ein paar einzelne Schüsse.


Als die Schießerei verstummte, war wieder ein Krachen und Klirren aus der Apotheke zu hören. Ein Adrenalinschub ließ Kneidingers Herz heftiger klopfen. Es lief perfekt für ihn. Die Bullen auf der Straße waren höchst verunsichert, als der Krach in der Apotheke weiterging und die reingestürmten Beamten auf keine ihrer Rufe reagierten. Mit Handzeichen verständigten sich der Polizist an der Eingangstür mit seinen verbliebenen Kollegen. Kneidinger erhob sich ein wenig, zog seine Pistole aus dem Gürtel und machte sich bereit. Ein schneller Blick zu Gerhard, der hinter einem roten Ford in Deckung war, bestätigte ihm, dass der es auch nicht mehr erwarten konnte.


Gleich. Warte!, beruhigte er sich selbst.


Als zwei der Polizisten, die bisher das Blickfeld in Richtung der Hauptstraße gesichert hatten, sich umdrehten und in Richtung Eingangstür liefen, sprang er auf und rief: „Los! Jetzt! Macht sie fertig!“


Fünfzehn Männer sprangen aus ihren Verstecken und deckten die Polizisten mit Schüssen ein. Nach ein paar Sekunden lagen alle Beamten am Boden. Kneidinger hatte seinen Leuten eingebläut, wegen der schusssicheren Westen zuerst auf die Beine zu schießen. Jeder der Polizisten wurde auch noch am Boden gnadenlos mit Kugeln eingedeckt. Als sich keiner mehr rührte, stellten sie das Feuer ein. Schon wagten sich die ersten aus der Deckung und schritten auf die leblosen Körper zu.
„Langsam! Vorsichtig!“, rief Kneidinger. Doch keiner der Beamten rührte sich. Joey kam mit gezogenem Messer aus der Apotheke und stach einem Polizisten nach dem anderen in den Hals. Sicher ist sicher.


Kneidinger atmete tief ein. Gut. Die erste Station hatten sie geschafft. Nachdem Joey alle Polizisten gecheckt hatte, kam er zu ihm herüber und brachte ihm eine MP mit. Guter Mann. Er rief nach Gerhard und besprach mit seinen beiden Getreuen das weitere Vorgehen.


Kurz darauf hatte er mit insgesamt fünfundzwanzig Mann die Polizeiwache eingekreist. Darin waren noch maximal neun Polizisten. Der Eingang war ein Nadelöhr. Die Wache war eine weit härtere Nuss als die Aktion bei der Apotheke.
Das Feuergefecht dauerte eine ganze Stunde. Er verlor drei Männer und fünf wurden verletzt. Doch dann ging den Bullen die Munition aus. Sie wollten verhandeln. Als seine Jungs mitbekamen, dass ihre Erzfeinde wehrlos wie die Karnickel im Bau saßen, waren sie kaum mehr zu halten. Sie hätten die vier überlebenden Polizisten noch in der Wache massakriert, wenn Kneidinger sie nicht gestoppt hätte. Stattdessen befahl er ihnen, sie nach unten auf den Gehsteig zu bringen. Die Show war jetzt wichtig für seine weiteren Pläne.


Umringt von der johlenden Menge drosch Kneidinger immer wieder auf die blutüberströmten Beamten ein, die von seinen Männern festgehalten wurden. Sie waren kaum mehr imstande, sich auf den Beinen zu halten. Noch konnte Kneidinger nicht zur nächsten Aktion übergehen. Er wollte mehr Schaulustige. Deshalb zog er die Tortur in die Länge und beschimpfte die Polizisten zwischen den Tritten und Schlägen so laut und derb er nur konnte.


Als er das Gefühl hatte, dass es reichte, und seine Männer kaum mehr stillhielten, zog er das dünne Stahlseil aus der Innentasche seiner Lederjacke. Das eine Ende gab er Joey mit der Anweisung, es über den Laternenpfahl zu hängen. Das andere Ende schlang er um den Hals des kleinsten der Beamten. Er wollte sich ja nicht überanstrengen.
Der Mann stierte benommen aus seinen zugeschwollenen Augen und blubberte unverständliche Worte. Blutiger Speichel rann sein zerschundenes Kinn hinab. Als Kneidinger ihn an der Laterne hochzog, mobilisierte der malträtierte Körper seine letzten Kräfte und zappelte eine Zeitlang.


Kneidinger lachte und genoss das Geschrei der Menge. Er überließ die restlichen Polizisten dem wütenden Mob, drehte sich um und schritt auf den Eingang der Polizeiwache zu. Hier würde er seine neue Basis aufbauen.
Mit einem Gefühl des Triumphs begutachtete er die Räumlichkeiten. Der Schreibtisch des Kommandanten gefiel ihm am besten. Er nahm Platz, der Ledersessel fühlte sich erstaunlich bequem an. Wie für seinen 120-kg-Körper gemacht.
Sein Blick fiel auf den Bilderrahmen auf dem Schreibtisch. Eine Frau mit einem Kind auf dem Schoß. Er nahm das Bild in beide Hände und grinste.
„Tja, Süße. Dein Lover kommt diesmal nicht mehr nach Hause.“


Lachend warf er den Bilderrahmen in die Ecke, wo er scheppernd zersprang. Die Welt ohne Strom gefiel Kneidinger immer besser. Es kamen großartige Zeiten auf ihn zu.

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